Gastbeitrag für Gemeinwohl.Table von Lorenz Overbeck
Im Proberaum von Chören, Orchestern und Musikvereinen entsteht täglich Gemeinwohl. Amateurmusik ist niedrigschwellig, demokratisch organisiert und kostengünstig – aber nicht kostenlos. Sie braucht fachliche Kompetenz und qualifizierte Strukturen, um ihre gesellschaftliche Wirkung entfalten zu können. (Foto Header: Angelika Luft)
Wenn Menschen im Chor, Orchester oder Musikverein zusammenkommen, geschieht mehr als eine Probe: Generationen begegnen sich, Zugewanderte finden Anschluss, Kinder und Erwachsene erleben Selbstwirksamkeit, demokratisches Miteinander wird eingeübt. Niemand nennt das im Proberaum „Daseinsvorsorge“ oder „Public Health“. Dennoch entsteht dort täglich Gemeinwohl – überwiegend getragen von freiwilligem Engagement.
In Deutschland musizieren 16,3 Millionen Menschen. Zugleich prägen rund 100.000 Ensembles der Amateurmusik das kulturelle Leben in Städten und ländlichen Räumen; rechnerisch finden etwa 1.400 Konzerte täglich statt. Diese ortsgebundene Struktur stärkt Beziehungen, Zugehörigkeit und Teilhabe, bevor Probleme entstehen oder sich verfestigen.
In vielen politischen Analysen steckt Amateurmusik
Viele aktuelle politische Analysen lesen sich daher fast wie eine Tätigkeitsbeschreibung der Amateurmusik. Die neue Heimat-Agenda beschreibt Heimat als Zugehörigkeit, die entsteht, wo Menschen einander begegnen und Verantwortung übernehmen. Der aktuelle Stadtentwicklungsbericht rückt gemeinwohlorientierte, resiliente Quartiere in den Mittelpunkt. Der kürzlich veröffentlichte Verfassungsschutzbericht warnt vor wachsenden extremistischen Bedrohungen. Die Gesundheitspolitik sucht nach wirksamer Prävention in den Lebenswelten, die Bildungspolitik nach mehr Chancengerechtigkeit und verlässlichen außerschulischen Partnern. In all diesen Feldern ist Amateurmusik längst aktiv – niedrigschwellig, kostengünstig und demokratisch organisiert.
Kostengünstig ist dabei nicht kostenlos. Freiwilliges Engagement braucht qualifizierte hauptamtliche Unterstützung, Räume, verlässliche Finanzierung und Zeit für die eigentliche Arbeit.

BMCO-Geschäftsführer Lorenz Overbeck, Foto: Rebecca Krämer
Die Leistungen des Sektors werden getrennt als Kultur-, Bildungs-, Gesundheits-, Heimat- oder Demokratieprojekte und nicht als gemeinsame zivilgesellschaftliche Infrastruktur wahrgenommen. Zudem ist Engagement politisch zersplittert. Gemeinnützigkeits- und Steuerrecht, Arbeits- und Sozialrecht, Datenschutz, Kinder- und Jugendschutz, Veranstaltungsrecht sowie Kultur-, Bildungs-, Gesundheits- und Förderpolitik entstehen in unterschiedlichen Bundestagsausschüssen und Ministerien, zudem noch föderal verteilt. Der Bund setzt den Rahmen, Länder gestalten Kultur und Bildung, Kommunen entscheiden über Räume, Gebühren und Unterstützung.
Jede Vorgabe mag für sich nachvollziehbar sein – in der Summe bindet sie Zeit und Kraft. Ohne, dass sich jemand für die Gesamtbelastung verantwortlich fühlt. Wer aber Strukturen belastet und nur befristete Einzelprojekte fördert, verliert jene Partner, auf die Staat und Gesellschaft in Krisen und Veränderungsprozessen angewiesen sind. Die organisierte Amateurmusik ist keine kostenlose Ersatzstruktur, sondern eine ehrenamtlich getragene musikalische Praxis, die fachliche Kompetenz und qualifizierte Strukturen braucht. Ehrenamt steht nicht im Gegensatz zu Professionalität – es macht kulturelle Teilhabe in hoher Qualität für Millionen Menschen erst möglich.
Wichtiges Signal: Sport und Ehrenamt im Bundeskanzleramt
Deshalb war es ein wichtiges Signal, Sport und Ehrenamt im Bundeskanzleramt anzusiedeln und erstmals eine eigene Staatsministerin zu berufen. Christiane Schenderlein (CDU) hat in ihrer kurzen Amtszeit vieles angestoßen und umgesetzt. Wir begrüßen, dass mit Ronald Rauhe nach fünfwöchiger Vakanz das Amt nachbesetzt wurde und freuen uns sehr auf eine Fortsetzung der guten Zusammenarbeit, insbesondere im Stiftungsrat der Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt.
Der gemeinnützige Sektor braucht mehr als Anerkennung: einen ressort- und ebenen-übergreifenden Engagement-Check für Gesetze und Verordnungen, frühe Beteiligung der Praxis, einen Blick auf kumulierte Bürokratielasten sowie längerfristige, einfachere und angemessene Förderung. Der Staatsminister für Sport und Ehrenamt, der zugleich den Vorsitz des Stiftungsrates der Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt innehat, kann dafür ein starker Koordinator sein – wirksam wird diese Funktion aber erst, wenn alle Ressorts und föderalen Ebenen Engagementpolitik als gemeinsame Aufgabe verstehen.
Kultur besitzt einen Wert an sich. Sie muss sich nicht erst durch eingesparte Gesundheitskosten, bessere Bildungsergebnisse oder Extremismusprävention rechtfertigen. Zugleich wäre es fahrlässig, ihre gesellschaftliche Wirkung zu übersehen. Amateurmusik ist bereits dort aktiv, wo Politik Zusammenhalt stärken will. Sie braucht Rahmenbedingungen, die das ermöglichen. Denn Gemeinwohl entsteht nicht im Organigramm, sondern dort, wo Menschen gemeinsam Verantwortung übernehmen.
Lorenz Overbeck, Geschäftsführer des BMCO
Dieser Text ist als Gastbeitrag im heutigen Gemeinwohl.Table erschienen.